Warum Hitze gegen Legionellen nicht ausreicht

Die thermische Desinfektion ist eine der bekanntesten Methoden gegen Legionellen. Dabei wird das Trinkwasser in der gesamten Anlage kurzzeitig stark erhitzt. Die hohen Temperaturen töten Bakterien ab – das klingt logisch, ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn eine thermische Desinfektion wirkt vorübergehend – und ist auch nur in bestimmten Fällen sinnvoll. Nicht fachlich durchgeführt, kann sie zu weiteren Problemen führen. Als Merksatz gilt daher: Thermisch zu desinfizieren ist eine Notlösung, keine Sanierung.

Welche Nachteile hat die thermische Desinfektion?

  • Kurzfristige Senkung der Legionellenkonzentration, aber kein dauerhafter Schutz
  • Wärmeübertragung auf Kaltwasserleitungen möglich – dort können sich Legionellen dann vermehren und die Anlage erneut kontaminieren
  • Hohe Temperaturen belasten Leitungen, Armaturen und Dichtungen (Korrosionsgefahr)
  • Hoher Energieverbrauch und zusätzliche Betriebskosten sowie hoher Planungs- und Personalaufwand
  • Trügerische Sicherheit: Die Anlage wirkt keimfrei, obwohl das Legionellenrisiko weiterhin besteht

Ist die thermische Desinfektion verboten?

Nein, die thermische Desinfektion ist grundsätzlich nicht verboten. Aber sie stellt keine Routine-Maßnahme dar. Sie ist in Ausnahmefällen und unter engen gesetzlichen und technischen Vorschriften zulässig.

Vorgaben & Pflichten zur thermischen Desinfektion

  • Die Trinkwasserverordnung und die technischen Regeln erlauben Desinfektionsverfahren nur, wenn sie hygienisch notwendig sind und fachgerecht geplant sowie durchgeführt werden (VDI 6023).
  • Thermische Desinfektionsverfahren sind eine vorübergehende Maßnahme, zum Beispiel bei einem Legionellenbefund, bis die Ursachen baulich und betrieblich behoben sind.
  • Vor der Durchführung muss feststehen, dass die Anlage und alle Materialien (Leitungen, Armaturen, Dichtungen) den hohen Temperaturen sicher standhalten. Außerdem ist das Verfahren durch qualifizierte Fachkräfte zu dokumentieren (DVGW W 551).

Experten-Tipp

Die thermische Desinfektion ist im begründeten Einzelfall erlaubt, aber streng geregelt – und sie ersetzt niemals die eigentliche Sanierung der Trinkwasserinstallation. Denn ohne Ursachenbeseitigung bleibt jede Desinfektion reine Kosmetik.

Mehr erfahren » Legionellen: Was tun?  – Checkliste mit Sofortmaßnahmen

Sinnvoll ist das thermische Verfahren nur, wenn eine gesundheitsgefährdende mikrobielle Belastung vorliegt. Wir als Experten prüfen jedoch immer, ob andere Maßnahmen – zum Beispiel endständige Legionellenfilter – nicht besser geeignet sind.

Mikrobiologische Nachteile

Thermische Desinfektion bei Legionellen wirkt nur begrenzt

Warum schützt die thermische Desinfektion nicht dauerhaft vor Legionellen, wenn sie bei hohen Temperaturen absterben? Das hat mehrere Gründe. Die wichtigsten sind: Biofilm, Amöben und die Anpassungsfähigkeit der Legionellen selbst.

Biofilm schirmt Legionellen ab

In jeder Trinkwasserinstallation leben verschiedene Mikroorganismen. Auch Legionellen gehören dazu. Wenn sich die unterschiedlichen Bakterien an den Innenwänden der Rohre und anderen Oberflächen anheften, entsteht ein Biofilm in der Anlage. Legionellen finden darin nicht nur Nahrung, sondern auch Schutz vor hohen Wassertemperaturen.

Amöben als Versteck

Amöben sind winzige Einzeller mit einer bemerkenswerten Widerstandsfähigkeit. Sie überstehen Hitze und viele Umweltbelastungen weit besser als andere Mikroorganismen. Legionellen können sich in Amöben „verstecken“ und dort vermehren. Bei einer thermischen Desinfektion wird zwar ein Teil der frei vorkommenden Legionellen abgetötet. Die Legionellen im Inneren der Amöben sind jedoch geschützt. Überleben die Amöben die Maßnahme, werden die Legionellen später wieder ins Wasser abgegeben.

Legionellen sind “Hungerkünstler”

Legionellen passen sich ungünstigen Bedingungen erstaunlich gut an. Unter thermischem Stress schalten sie in den Schlafmodus. D.h. sie verfallen in eine Art Winterschlaf. Fachleute nennen das den VBNC („viable but not culturable“ – lebend, aber nicht kultivierbar). In diesem Zustand können Legionellen viele Jahre und sogar Jahrzehnte überstehen. Verbessern sich die Bedingungen, erwachen diese „Schläfer“ und vermehren sich erneut.

Bakterien werden widerstandsfähiger

Ein weiterer Punkt betrifft die Anpassungsfähigkeit der Legionellen. Werden sie mehrfach hohen Temperaturen ausgesetzt, können einige Stämme resistenter gegen Hitze werden.

Risiken: thermische Desinfektion bei Legionellen

Welche Risiken die thermische Desinfektion birgt

Neben den mikrobiologischen Problemen sorgt auch das Verfahren selbst für technische Nachteile.

Temperaturübertragung & Neukontamination

In einigen Anlagen sind Warm- und Kaltwasserleitungen schlecht gedämmt. So geht die Hitze beim thermischen Verfahren auch auf Kaltwasserrohre über. Wenn dort die Temperaturen steigen, finden Legionellen optimale Bedingungen, um sich wieder zu vermehren.

Materialbelastung & Energieverbrauch

Wiederholtes Erhitzen auf über 70 °C beansprucht Leitungen, Ventile und Dichtungen. Kurz gesagt: Die Materialien nehmen Schaden, und die Anlage wird in ihrer Funktion beeinträchtigt. Auch der Energieverbrauch ist bei einer thermischen Desinfektion hoch.

Hoher Aufwand mit Lücken

In verzweigten oder alten Anlagen ist es fast unmöglich, das gesamte Leitungssystem gleichzeitig zu behandeln. Besonders sogenannte Totleitungen und Stagnationsbereiche werden häufig übersehen.

Neue Datenlage – Welche Wassertemperatur hilft gegen Legionellen?

Die Leitlinien empfehlen eine thermische Spülung von 3 Minuten bei mindestens 70 °C. Neuere Untersuchungen zeigen jedoch, dass diese Zeitspanne bei einer thermischen Desinfektion nicht genügt. Selbst nach 5 Minuten sind oft noch Legionellen nachweisbar. Ebenso sind die angegebenen Temperaturen nicht stichhaltig.

In der Praxis sind oft längere Einwirkzeiten oder höhere Temperaturen nötig. Doch genau das lässt sich in vielen Trinkwasseranlagen kaum umsetzen.

Welche Alternativen gibt es zur thermischen Desinfektion?

Bei der professionellen Legionellenbekämpfung werden mehrere Maßnahmen eingesetzt – je nach Anlage und Rahmenbedingungen. Wichtig ist in jedem Fall: Keine Einzelmaßnahme ersetzt die Sanierung. Sinnvoll ist immer nur ein Maßnahmenpaket (sog. Maßnahmenkatalog), das verschiedene Verfahren bündelt, um die Trinkwasserinstallation nachhaltig zu desinfizieren.

Dauerhafte Lösung: Ursachen beseitigen
  • Totleitungen und Stagnationsbereiche zurückbauen
  • Hydraulischen Abgleich der Zirkulation durchführen (gleichmäßige Verteilung der Warmwassertemperatur im gesamten System)
  • Temperaturführung optimieren (Warmwasser ausreichend heiß, Kaltwasser ausreichend kalt, keine unerwünschten Aufheizungen)
  • Dämmung und Leitungsführung verbessern
  • regelmäßige Nutzung und Spülkonzepte für selten genutzte Entnahmestellen
  • Wartung und Instandhaltung der Trinkwasserinstallation nach anerkannten Regeln der Technik

Diese baulichen und betrieblichen Maßnahmen sind die Grundlage für einen dauerhaften Erfolg – jede Desinfektion bleibt ohne sie nur ein kurzfristiger Effekt.

  • Chemische Desinfektion, z. B. Chlordioxid, Chlor, Natrium-/Calciumhypochlorit oder Ozon – soweit zugelassen.
  • UV‑Desinfektion
  • Membran‑/Filtrationstechnik im System
  • Endständige Sterilfilter (z. B. an Duschen, Waschtischen) sind besonders wichtig bei hohen Befunden oder in sensiblen Einrichtungen (Krankenhäuser, Pflegeheime).
  • Diese Legionellenfilter sind generell ab einer Verunreinigung von 10.000 KBE in Trinkwasseranlagen zu empfehlen.

Experten-Tipp

Für Sie als Eigentümer, Betreiber bzw. Hausverwaltung einer Trinkwasseranlage bedeutet das:

  1. Thermische Desinfektion ist nur im Ausnahmefall zulässig.
  2. Beauftragen Sie eine sachverständige Risikoabschätzung (früher Gefährdungsanalyse).
  3. Konzentrieren Sie sich auf die Ursachenbeseitigung (bauliche und betriebliche Maßnahmen).

Nutzen Sie geeignete Zusatzverfahren (UV, Filter etc.) gezielt und befristet, nur nach Rücksprache.

Fazit: Thermische Desinfektion ist eine Notlösung

Die thermische Desinfektion von Trinkwasser kann kurzfristig die Keimzahl senken. Sie ersetzt jedoch keine Sanierung. Dauerhaften Schutz bieten nur ein konsequentes Temperaturmanagement und die Beseitigung von Schwachstellen in der Anlage.

Beauftragen Sie bei Legionellenbefall immer qualifizierte Fachleute mit der Ursachenklärung. Nur eine individuelle Risikoabschätzung und ein durchdachter Maßnahmenplan sorgen für langfristige Sicherheit.

Quellen:

1) Dr. Christian Schauer: Warum die thermische Desinfektion nicht vor Legionellen schützt

2) Reinhard Bartz: Die Absurdität einer „Legionellenschaltung“