Die thermische Desinfektion ist eine der bekanntesten Methoden gegen Legionellen. Dabei wird das Trinkwasser in der gesamten Anlage kurzzeitig stark erhitzt. Die hohen Temperaturen töten Bakterien ab – das klingt logisch, ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn eine thermische Desinfektion wirkt vorübergehend – und ist auch nur in bestimmten Fällen sinnvoll. Nicht fachlich durchgeführt, kann sie zu weiteren Problemen führen. Als Merksatz gilt daher: Thermisch zu desinfizieren ist eine Notlösung, keine Sanierung.
Nein, die thermische Desinfektion ist grundsätzlich nicht verboten. Aber sie stellt keine Routine-Maßnahme dar. Sie ist in Ausnahmefällen und unter engen gesetzlichen und technischen Vorschriften zulässig.
Die thermische Desinfektion ist im begründeten Einzelfall erlaubt, aber streng geregelt – und sie ersetzt niemals die eigentliche Sanierung der Trinkwasserinstallation. Denn ohne Ursachenbeseitigung bleibt jede Desinfektion reine Kosmetik.
Mehr erfahren » Legionellen: Was tun? – Checkliste mit Sofortmaßnahmen
Sinnvoll ist das thermische Verfahren nur, wenn eine gesundheitsgefährdende mikrobielle Belastung vorliegt. Wir als Experten prüfen jedoch immer, ob andere Maßnahmen – zum Beispiel endständige Legionellenfilter – nicht besser geeignet sind.
Mikrobiologische Nachteile
Warum schützt die thermische Desinfektion nicht dauerhaft vor Legionellen, wenn sie bei hohen Temperaturen absterben? Das hat mehrere Gründe. Die wichtigsten sind: Biofilm, Amöben und die Anpassungsfähigkeit der Legionellen selbst.
In jeder Trinkwasserinstallation leben verschiedene Mikroorganismen. Auch Legionellen gehören dazu. Wenn sich die unterschiedlichen Bakterien an den Innenwänden der Rohre und anderen Oberflächen anheften, entsteht ein Biofilm in der Anlage. Legionellen finden darin nicht nur Nahrung, sondern auch Schutz vor hohen Wassertemperaturen.
Amöben sind winzige Einzeller mit einer bemerkenswerten Widerstandsfähigkeit. Sie überstehen Hitze und viele Umweltbelastungen weit besser als andere Mikroorganismen. Legionellen können sich in Amöben „verstecken“ und dort vermehren. Bei einer thermischen Desinfektion wird zwar ein Teil der frei vorkommenden Legionellen abgetötet. Die Legionellen im Inneren der Amöben sind jedoch geschützt. Überleben die Amöben die Maßnahme, werden die Legionellen später wieder ins Wasser abgegeben.
Legionellen passen sich ungünstigen Bedingungen erstaunlich gut an. Unter thermischem Stress schalten sie in den Schlafmodus. D.h. sie verfallen in eine Art Winterschlaf. Fachleute nennen das den VBNC („viable but not culturable“ – lebend, aber nicht kultivierbar). In diesem Zustand können Legionellen viele Jahre und sogar Jahrzehnte überstehen. Verbessern sich die Bedingungen, erwachen diese „Schläfer“ und vermehren sich erneut.
Ein weiterer Punkt betrifft die Anpassungsfähigkeit der Legionellen. Werden sie mehrfach hohen Temperaturen ausgesetzt, können einige Stämme resistenter gegen Hitze werden.
Neben den mikrobiologischen Problemen sorgt auch das Verfahren selbst für technische Nachteile.
In einigen Anlagen sind Warm- und Kaltwasserleitungen schlecht gedämmt. So geht die Hitze beim thermischen Verfahren auch auf Kaltwasserrohre über. Wenn dort die Temperaturen steigen, finden Legionellen optimale Bedingungen, um sich wieder zu vermehren.
Wiederholtes Erhitzen auf über 70 °C beansprucht Leitungen, Ventile und Dichtungen. Kurz gesagt: Die Materialien nehmen Schaden, und die Anlage wird in ihrer Funktion beeinträchtigt. Auch der Energieverbrauch ist bei einer thermischen Desinfektion hoch.
In verzweigten oder alten Anlagen ist es fast unmöglich, das gesamte Leitungssystem gleichzeitig zu behandeln. Besonders sogenannte Totleitungen und Stagnationsbereiche werden häufig übersehen.
Die Leitlinien empfehlen eine thermische Spülung von 3 Minuten bei mindestens 70 °C. Neuere Untersuchungen zeigen jedoch, dass diese Zeitspanne bei einer thermischen Desinfektion nicht genügt. Selbst nach 5 Minuten sind oft noch Legionellen nachweisbar. Ebenso sind die angegebenen Temperaturen nicht stichhaltig.
In der Praxis sind oft längere Einwirkzeiten oder höhere Temperaturen nötig. Doch genau das lässt sich in vielen Trinkwasseranlagen kaum umsetzen.
Bei der professionellen Legionellenbekämpfung werden mehrere Maßnahmen eingesetzt – je nach Anlage und Rahmenbedingungen. Wichtig ist in jedem Fall: Keine Einzelmaßnahme ersetzt die Sanierung. Sinnvoll ist immer nur ein Maßnahmenpaket (sog. Maßnahmenkatalog), das verschiedene Verfahren bündelt, um die Trinkwasserinstallation nachhaltig zu desinfizieren.
Diese baulichen und betrieblichen Maßnahmen sind die Grundlage für einen dauerhaften Erfolg – jede Desinfektion bleibt ohne sie nur ein kurzfristiger Effekt.
Für Sie als Eigentümer, Betreiber bzw. Hausverwaltung einer Trinkwasseranlage bedeutet das:
Nutzen Sie geeignete Zusatzverfahren (UV, Filter etc.) gezielt und befristet, nur nach Rücksprache.
Die thermische Desinfektion von Trinkwasser kann kurzfristig die Keimzahl senken. Sie ersetzt jedoch keine Sanierung. Dauerhaften Schutz bieten nur ein konsequentes Temperaturmanagement und die Beseitigung von Schwachstellen in der Anlage.
Beauftragen Sie bei Legionellenbefall immer qualifizierte Fachleute mit der Ursachenklärung. Nur eine individuelle Risikoabschätzung und ein durchdachter Maßnahmenplan sorgen für langfristige Sicherheit.
1) Dr. Christian Schauer: Warum die thermische Desinfektion nicht vor Legionellen schützt
2) Reinhard Bartz: Die Absurdität einer „Legionellenschaltung“